Zerstörung

Zerstörung im 17. u. 18.Jahrhundert

Ohne eine zur Erhaltung des Bauwerks erforderliche kontinuierliche Betreuung, setzte die Klimaverschlechterung der sogenannten „kleinen Eiszeit" (zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert) der Bausubstanz der Glattjochkapelle sehr zu. Der Zahn der Zeit nagte an der Kapelle in Form von Durchfeuchtung der Mauern, von Frostwechseln, und in der Folge von Gefügelockerungen, Ausschwemmungen des Dämmaterials und Ausfallen kleiner Zwickelsteine oder einzelner Steinblöcke; ein Einsacken der Gebäudemauern war unvermeidlich, umso mehr, da die Struktur aufgrund ihres Konstruktionsprinzips von vornherein nur bedingt hochgebirgstauglich war.

Abb. A: Theoretisches „natürliches“ Einstürzen der Glattjochkapelle

 

Ein erster partieller Einsturz ist durch den innenseitigen Riß „1" in der Kapellenwestwand belegt, der von der unteren Ecke mit der Eingangswand schräg nach oben in das Gewölbe hinein verläuft. Als Ursache dieses Kollaps kommen kaum  ein allmähliches Einsacken und das folgende  Zusammenbrechen des Mauergefüges in Betracht, sondern eher eine von außen wirkende Gewaltanwendung. Aus zahlreichen irischen Beispielen von Oratorien ist zu ersehen , daß der quasi „natürliche“ Einsturz infolge Einsackens statisch zwingend stets mittig erfolgt und die als Ecken ausgesteiften Gebäudeteile sowie die Stirnwände ( Giebelwände) länger dem Einsturz standhalten. Das Einsturzbild der Glattjochkapelle hätte dann Abb. A entsprochen. Eine solche mittige „natürliche“ Durchbiegung  konnte bei den Freilegungsarbeiten 1995 anhand der Gefügeverschiebungen in der bis 3 m Höhe stehen gebliebenen West-Seitenwand zwar festgestellt werden, Ursache des Einsturzes war sie jedoch nicht.

Abb. B: Rekonstruierter tatsächlicher Einsturz der Glattjochkapelle

Auffällig ist die schwächere Ausführung der Eingangswand im Vergleich zu den drei anderen Wänden. Während letztere eine Stärke von rund 1,30 m für die hintere Altarwand im Süden, und von bis zu 1,70 m Stärke für die Seitenwände aufweisen, ist die Eingangswand „2" im Norden gerade nur 40 bis 60 cm stark. Zur Verstärkung dieser zu schwach dimensionierten Wand wurde ein im Mittel 1 m starker und rund 2,2 m hoher außenseitiger Vorbau VB errichtet — und zwar nachträglich, wie die durchgehende Arbeitsfuge ,3" zwischen den beiden Bauwerkskörpern beweist — um ein weiteres Ausbiegen der Eingangswand nach außen („Pfeil" in Abb. C) unter der Last des massiven Steingiebels zu verhindern. 

Abb. C

Die an der Nord-West-Außenecke des Vorbaues (VB) herausgedrückten Mauersteine zeigen an, daß auch der Vorbau selbst dadurch beeinträchtigt wird. Die vermeintliche Ersparnis durch eine verminderte Wandstärke war damit eine ziemliche Fehleinschätzung. Es ist kein vernünftiger Grund dafür zu finden, warum die ursprünglichen Erbauer der Kapelle für die Eingangsgiebelwand eine von der anderen Mauerausführungen abweichende Wandstärke hätten wählen sollen, da sie die drei übrigen Seiten der Kapelle doch in der althergebrachten soliden Art und Weise errichtet hatten. Ursprünglich wird also auch die Nordmauer (Eingang) in der selben Stärke wie die drei anderen Wände der Kapelle ausgeführt gewesen sein, womit der Neubau der Kapelle im 9. Jahrhundert eine Außenkonturlinie (AK1) aufwies. Die exakt ausgebildete Inneneckfuge zwischen dieser Nord-Eingangswand und der Ost-Seitenwand ist noch die ursprüngliche, während die Inneneckfuge zur West-Seitenwand offensichtlich eine nachträgliche schlampige Reparaturarbeit ist.

Wenn jedoch neben dieser mittigen Ausbauchung ein bis zum Naturfels hinabreichender unregelmäßiger Riß 1 (Abb.C) eine Zerstörung des Gefüges in der Ecke zeigt, welche aufgrund ihrer Aussteifung eigentlich am längsten überdauern müßte, so kann für den Eckeneinsturz nur eine plötzliche mechanische Einwirkung der Grund sein. Als natürliche hohe Momentanenergien kommen Blitzschlag und Erdbeben in Frage, die beide jedoch gänzlich andere Zerstörungsbilder als das oben beschriebene  böten. Damit bleibt als Ursache dieser Art von Einsturz offensichtlich nur mehr menschliche Gewalteinwirkung übrig.

Wie würden Demolierer vorgehen, um die Kapelle unbrauchbar zu machen? Wieviele Mitwirkende mögen es gewesen sein? Handelten sie nur aus bloßem Mutwillen oder mit einer zielgerichteten Absicht, oder in einem konkreten Auftrag?

Nur ihrem Mutwillen folgende Täter hätten wahrscheinlich zunächst vom Dach her und von allen möglichen Ecken aus einzelne Steine herabgestürzt, um nach dem Ausplündern und Verwüsten der Kapelleneinrichtung zuletzt auch am Eingang ihrer Zerstörungslust zu frönen. Daß sie dabei ohne Selbstgefährdung den Eingang durch Einsturz vollkommen unbetretbar gemacht hätten, wäre möglich, aber kaum wahrscheinlich gewesen.

Die gezielte Devastierung des Eingangsbereiches weist auf eine beabsichtigte Aktion hin, zu der nur wenige Ausführende notwendig waren, und deren Ziel es war, das zukünftige Betreten der Kapelle unmöglich zu machen. Eine gänzliche Vernichtung war sichtlich nicht Absicht oder Auftrag, da in diesem Fall sämtliche Wände bis zum Felsuntergrund abgetragen worden wären, was einen weitaus größeren Arbeitsaufwand bedeutet hätte.

Nach der Freilegung 1995 fand sich ein Einsturzbild laut Abb. C welches für den stehen gebliebenen Rest der West-Seitenwand eine Außenkonturlinie AK95 und im Kapelleninneren eine Innenkonturlinie IK95 bietet. Es ergibt sich daraus fast zwingend die Folgerung einer gewaltsamen Zerstörung des Eingangsbereiches und des angrenzenden Eckteiles der Westwand bis zum Riß 1 in der Absicht, das Gebäude unzugänglich zu machen.

Eine überlegenswerte, wenn auch nicht die einzig mögliche Begründung für eine vorsätzliche Zerstörung der Kapelle zeigt die These von Prof. Dopsch, Universität Salzburg, auf: Im Zuge der Rekatholisierung der anfangs des 17. Jahrhunderts noch zum überwiegenden Teil evangelischen Obersteiermark wurden im Rahmen der Protestantenverfolgung auch Kirchen und mutmaßliche Versammlungsstätten der nur mehr geheim ihren Glauben leben könnenden Lutheraner zerstört. Für die mehrheitlich der neuen Lehre anhängenden Knappen der Bergbau- und Verhüttungsgebiete von Oberwölz und Zeiring im Süden und des Donnersbachtales, des Walchentales und von Schladming im Ennstal war der Weg über das Glattjoch die kürzeste Verbindung zueinander, der Weg, auf dem Nachrichten, evangelische Schriften und auch verfolgte Anhänger in Sicherheit gebracht werden konnten. Ideal muß sich für diese Zwecke die Lage der Kapelle auf dem Glattjoch erwiesen haben.

Trotz deren Abgelegenheit und des anzunehmenden Stillschweigens der Bevölkerung muß die Existenz des Bauwerks und seine Nutzung als geheimer Treffpunkt der Protestanten doch ruchbar geworden sein, und in der Folge die Kapelle irgendwann in der langen Zeit der gegenreformatorisehen Zwangsmaßnahmen im 17. oder 18. Jahrhundert, auf Anordnung der Obrigkeit demoliert worden sein. Die Bezeichnung „Heidengräber" für den Jochbereich könnte als damals gebräuchliche, die Protestanten herabsetzende Religionspropaganda gesehen werden.

 

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