Verfall im Laufe der Zeit

Verfall im Laufe der Zeit und Demolierung 1943

Weitere kleinere Ausbesserungen werden in den darauffolgenden Jahrzehnten sicherlich notwendig gewesen und durchgeführt worden sein, bis schließlich aufgrund der Wirtschaftsumwälzungen um die Wende zum 20. Jahrhundert (Verlagerung des Frachtverkehrs auf die Eisenbahnen, Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte, Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in die Industrie, „Waldbauernsterben" u.a.m.) der Verkehr über das Glattjoch endgültig erlosch, und die Kapelle mangels Zuspruchs nicht mehr gepflegt wurde und verfiel: Das Holzdach wird wenige Jahre nach einer letzten Ausbesserung bald einmal undicht und morsch geworden sein, und war bei den in 2000 m  Höhe herrschenden Witterungsbedingungen binnen kurzer Zeit zur Gänze zerstört. Durch das in die Gewölbestruktur eindringende Niederschlagswasser wurden, wie bereits beschrieben, die Mauermittelschichten ausgeschwemmt, und die Seitenwände sackten einwärts.

Ein Bericht von Frau Maria St. Aus Altirdning gibt Anhaltspunkte zum Schicksal der Kapelle in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Glaubwürdigkeit der Zeugin wird außer durch ihre überzeugend und sachlich wirkende Aussage auch durch folgenden beweiskräftigen Umstand unterstrichen: Frau St. beharrte bei der Unterredung im Jahre 1994, also zu einem Zeitpunkt, als das Kapelleninnere noch verstürzt und nicht freigelegt war, ganz dezidiert auf ihre Erinnerung an Latten im Kapelleninneren. Im damaligen Gespräch erschien das dem Fragesteller zweifelhaft zu sein und keinen Sinn zu ergeben. Was sollen Latten in einer Kapelle? Waren es vielleicht Reste der Kirchenbänke als Kapellenausstattung oder dort gelagerte Dachbretter? Frau St. zögerte damals aufgrund der doch mehr als fünfzig Jahre zurückliegenden Erinnerung, ließ sich diese aufgezählten Möglichkeiten letztendlich aber doch nicht suggerieren, sondern blieb bei ihrer Vorstellung von Latten, also dünnen Holzleisten. Und mit Recht! Die ein Jahr später, 1995, erfolgende Freilegung eines teilweise noch in situ vorhandenen Altargitters aus 3 x 5 cm starken Holzlatten erwies die Richtigkeit ihrer Erinnerung und ist ein Beweis dafür, daß Frau St. die Kapelle 1943 betreten hat, mithin auch, daß der Bau damals noch einen intakten Innenraum gehabt haben muß.

Aus den Angaben von Frau St. geht hervor, daß das Kraggewölbe 1943 teilweise noch intakt war: Ihrer Aussage nach gelangte sie durch den niedrigen Eingang in das Kapelleninnere und erblickte durch ein Loch im Gewölbe den Himmel und hinter den herabgestürzten Steinbrocken die Latten des Altargitters. Eingangs- und Altarwand sowie die daranhängenden Gewölbeteile waren also noch vorhanden.

Die Beschreibung des 1943 vorgefundenen Zustandes weist auf einen „systemtypischen" natürlichen Teileinsturz zwischen frühestens der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und 1943 hin. Die seit mehreren Jahrzehnten unbenutzte Glattjochkapelle hatte im Jahre 1943 noch eine intakte, wenn auch beschädigte Gewölbestruktur. Vom hölzernen Dach waren damals nur mehr Trümmer von Einzelbestandteilen zu sehen. Die 1943 erfolgte Zerstörung des Eingangsbereiches durch den Almhalter geschah um das Vieh vor dem Eindringen in das Innere abzuhalten und ließ die Kapelle vollends zur Ruine werden, wie sie sich beim Wiederauffinden 1994 präsentierte.

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