Andachtstätte u. Hospiz

Andachtsstätte und Hospiz

Das in stabil-wuchtiger Bauweise errichtete Glattjochoratorium überdauerte wegen seiner Lage an der Salzstraße als Andachtsstätte und Rastort für die Vorüberziehenden die Jahrhunderte. Mit der Entwicklung von Oberwölz zu einem zentralen Handels- und Umschlagplatz nahm seit der Jahrtausendwende der Frachtverkehr über das Glattjoch immer mehr zu. Im Gegenzug zu den seit jeher üblichen Salzfrachten aus dem Salzkammergut in den Süden wurden aus den Murtaler Besitzungen des bayerischen Klosters Freising landwirtschaftliche Güter wie Käse, Butter, Häute, Wolle, Loden, Fleisch und Vieh nach Norden verbracht, außerdem Wein, Getreide und Obst aus Italien sowie Spezereien, Gewürze und Orientwaren von den Adriahäfen zu den nördlich der Ostalpen gelegenen Häusern der Fugger und anderer Handelsherren. Ein zusätzliches Verkehrsaufkommen auf dem Weg über das Glattjoch und auf den benachbarten Tauernübergängen brachte die Bergbautätigkeit in der Region mit sich: Nach Kupfer, Blei, Antimon, Eisen und — in geringerem Ausmaß auch nach Gold- und Silbererz — wurde auf beiden Seiten des Wölzer Tauernkammes mit einigem Erfolg geschürft. Neben den reichen benachbarten Zeiringer Silbergruben wurde auch im Schöttltal bis über 2000 m Seehöhe hinauf Bergbau betrieben, wovon noch Sagen und Ortsbezeichnungen Kunde geben. So zeugen Straßennamen wie Silbergasse und Schmelzgasse von der Erzverhüttung in Oberwölz, Berg- und Gegendnamen wie Maißofen oder Beireut von der Holzwirtschaft. Im Goldsee unterhalb des Hohenwart sollen der Sage nach die Rinder beim Trinken goldüberzogene Klauen bekommen haben. Zahlreiche heutzutage noch gut erkennbare Wege über der Waldgrenze ergeben nur im Zusammenhang mit dem Bergbau und der Holzbringung für die Befeuerung der Schmelzöfen einen Sinn.

Diese wirtschaftliche Blüte nahm mit dem jähen Beginn der „kleinen Eiszeit" um die Mitte des 14. Jahrhunderts binnen weniger Jahrzehnte ein rasches Ende. Witterungskatastrophen im Zuge des Temperaturrückganges ersäuften Bergwerke, und Gletscher- vorstöße bis weit unter 2000 m Seehöhe ruinierten die Schwaighöfe und die Almwirtschaft. Die Waldgrenze verlagerte sich ebenfalls tiefer, sodaß die hochalpinen Regionen zunehmend zu Ödland wurden. Für die Stadt Oberwölz und ihre wichtigen hochgelegenen Transportübergänge Glattjoch und Sölkfeld bedeutete dies ein Absinken in verkehrsmäßige Bedeutungslosigkeit; statt dessen gewannen Orte wie Murau und Judenburg mit ihren tiefer gelegenen Pässen Sölkpaß und Triebener Tauernpaß an Bedeutung für den Fernverkehr. Die Neufestlegung der politischen Bezirks-, Grafschafts- und Landesgrenzen verstärkte diesen Trend noch durch Mauten und Zölle der jeweiligen Gebietsobrigkeit. Trotzdem blieb in den darauf folgenden Jahrhunderten ein bescheidener örtlicher Verkehr über das Joch weiter aufrecht, wobei die Weganlage im unwirtlich gewordenen Hochgebirge kaum mehr gepflegt wurde und mehr und mehr verkam, wie zeitgenössische Berichte des 17. und 18. Jahrhunderts beklagen.

 

Joomla templates by a4joomla