Geschichte

Geschichtliche Einordnung und Baugeschichte der Kapelle

Die Geschichte der Glattjochkapelle und ihrer Entstehung ist zwar nicht durch eindeutige Beweise abgesichert, doch ergeben verschiedene Informationsquellen und Indizien ein Bild der wahrscheinlichen historischen Entwicklung. 

Frühchristlichen Pilger aus West- und Nordwesteuropa nahmen im 1. bis 6. Jahrhundert ihren Weg nach Rom für gewöhnlich auf der Via Agrippa nach Arles (Arelate), auf der Via Aurelia weiter nach Frejus (Forum Julii) und von hier entlang der ligurischen Küste ostwärts Richtung Italien. In den Etappenorten der von den Römern vorbildlich ausgebauten Verkehrsverbindungen bildeten sich christliche Basisgemeinden, bald ergänzt durch Mönchsgemeinschaften und abseits gelegenen Eremitagen.  Die primitiv angelegten Einsiedeleien der spartanisch lebenden Anachoreten  waren kunstlos-einfach errichtete Bauten des notwendigsten Bedarfes: Eine kleine Wohn- und Schlafzelle und gegebenenfalls ein Stall sowie ein Andachts- und Meditationsraum bildeten das Ensemble.

Zu Lebzeiten Christi und in den Jahrhunderten danach bildeten Kragwölbungsstrukturen in den entlegenen Gebieten Europas eine Bauweise armer Landbewohner, die mit der römischen Bautechnik nicht oder kaum in Berührung gekommen waren, und deren Holzbaukunst wenig entwickelt war. Die autochthone, in kleinen abgeschiedenen Sippenweilern lebende Bevölkerung der römischen Provinzen Westeuropas konnte die Vorteilen der römischen Zivilisation kaum nuzen; trotz der Beispiele römischer Bauten werden sie mangels Fachwissen und wohl auch aus Kostengründen ihre Siedlungen weiterhin in althergebrachter Art, als Kragwölbungsbauten errichtet haben.

Als „gallische Dörfer" wurden schon in der Antike solche Bauten einheimischer Provencalen benannt, wie sie heute noch in den Departements Vaucluse und Dordogne zahlreich anzutreffen sind. Von den weithin üblichen Rundbauten in Kragwölbungstechnik unterscheiden sich diese durch gestreckt-rechteckige Grundrisse, deren Statik technisch weit schwieriger zu beherrschen ist. Solche steinerne  Kragwölbungsbauten errichteten mangels anderer Möglichkeiten auch die frühchristlichen Einsiedler.

Das Christentum war entlang der römischen Verkehrsverbindungen nach Norden, zu den Bretonen, und über den Ärmelkanal zu den Angeln und Sachsen Englands gelangt. Von hier aus erfolgte im 5. und 6. Jahrhundert die Missionierung Irlands. Die Geistlichen hatten ihre Ausbildung und Weihe zumeist auf dem Kontinent empfangen, wie als berühmtes Beispiel die Erinnerung an St. Patrick im Kloster St. Honorat, auf einer der Lerinsinseln vor Cannes, zeigt. Bretonische und irische Pilger, Mönche und Kleriker zogen wiederum auf ihren Fahrten nach Rom oder in das Heilige Land an diesen Einsiedeleien Südwesteuropas vorbei und nahmen außer deren geistigem und religiösem Vorbild auch die Form von deren Gebetsbauten mit zurück nach Irland, deren Bauprinzip ihnen von den beehives, den „Bienenkorbhütten" ihrer Heimat vertraut war. Die Oratorien der irischen Kleinklöster des 6. bis 10. Jahrhunderts sind getreue Abbilder der provencalischen „gallischen Bauten".

Die „Scoti“, irische Wanderkleriker, waren nach dem Zusammenbruch der Römischen Herrschaft ab dem 7. Jahrhundert neben anderen westeuropäischen und angelsächsischen Geistlichen die ersten Träger der erneuten Christianisierung Zentraleuropas. Die Mönche errichteten hier im Lande erste Andachtsplätze, kleine Missionsklöster und Einsiedeleien nicht nur als lokal übliche Holzbauten sondern wohl auch hier oder dort als steinerne Gebetshäuser oder Oratorien nach irischem Vorbild. Die Eigenständigkeit der kirchlichen Organisation und Liturgie der „Schotten" wurde aufgegeben, als mit der Angleichung der bayerisch-fränkischen Kirche an Rom im 8. Jahrhundert der irische Einfluß sukzessive zugunsten der wiedererstarkenden römisch-katholischen Kirche zurückging.

Die von den iroschottischen Glaubensboten geschaffenen Einrichtungen und Bauten kamen ab, sei es, daß sie aufgegeben wurden und verfielen, sei es, daß sie in Um- oder Überbauten neuerer und größerer Einrichtungen verschwanden. Nur in wenigen, für das heutige Geschichtsbild glücklichen Fällen, überlebten in weitabgelegenen Regionen Gebäude dieses technisch ungewöhnlichen Typs aus vorromanischer Zeit: In Südwestfrankreich, in Irland und — mit der Kapelle am Glattjoch — auch in der Steiermark.

Die Errichtung der Glattjochkapelle lässt sich  mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Zeitabschnitt zwischen den Jahren 850 bis 1000 n.Chr. festlegen. Vergleichbare Oratorien Irlands sind nach übereinstimmender Aussage der Fachwelt ausschließlich in der Zeit zwischen dem 7. und 10./11. Jahrhundert errichtet worden.  Das Auftreten irischer Kleriker in Zentraleuropa vor 700 n.Chr. ist nicht nachweisbar, aber auch nicht gänzlich auszuschließen. Vor Virgil und den namentlich genannten Iren im Gefolge seines Chorbischofs Modestus gelangten sicherlich schon Landsleute von ihnen hierher; vorwiegend waren esPilger auf dem Weg nach Rom oder Jerusalem als Einzelpersonen oder Gruppen von Mönchen oder Klerikern, die in der Apostelnachfolge Christi unterwegs waren; getreu dem Auftrag „Geht hinaus in alle Welt und lehret die Völker" hielten sie den heidnischen Einwohnern der Länder, durch die sie zogen, wohl zunächst Predigten unter freiem Himmel und werden (nach Lit. Wernbacher) im Zuge ihrer Bekehrungsarbeit zunächst Holzkreuze als Glaubenszeichen errichtet haben. Fanden der Missionar oder die Mönche den Ort ihrer Sendung und Bestimmung, so werden sie mit Hilfe der Bevölkerung steinerner Bethäuser und für die eigenen bescheidenen Bedürfnisse eine karge Klause bzw. ein kleines Klösterlein mit Wohnzellen eingerichtet haben.

Für die Situation im Donnersbachtal kann angenommen werden, daß frühestens im Zuge der dokumentierten Missionstätigkeit des Bischof Modestus und seiner nach Karantanien entsandten Nachfolger, also ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, erste bescheidene Sakralbauten entstanden. Ständig bewohnte Einrichtungen in Form von Missionsklöstern, wie das verschollene Kloster in oder bei Irdning (auf welches lt. Lit. Brunner Flurnamen hinweisen), oder erste Pfarreien, werden im Ennstal oder oberen Murtal kaum vor der Wende zum 9. Jahrhundert existiert haben. „Urpfarren" und die ältesten steirischen Orte (mit meist slawischen Herkunftsnamen) werden überhaupt erstmals in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts genannt.

Daß der Bau einer Einsiedelei auf der Höhe des Glattjochs das Werk eines Einzelgängers gewesen sein könnte, ist aufgrund der beachtlichen Baukubaturen   auszuschließen. Außer dem Kapellenbauwerk wurden am Joch noch weitere Baurelikte gefunden, so die ungefähr 30 Meter südwestlich der Kapelle liegenden Reste zweier runder, aneinandergebauter Hüttenfundamente, die im Durchmesser denen von irischen „beehives“ („Bienenkörben“) zu Wohnzwecken gleichen. Ob die in der östlichen Hangmulde gelegene, 1995 freigelegte dreikammerige Unterstandshütte aus dem 15./16. Jahrhundert (im Volksmund „Herdstelle" oder auch „Heidengrab" benannt) auf dem Platz eines Bauwerks aus der Zeit vor der Jahrtausendwende steht, konnte bisher nicht eindeutig festgestellt werden, ist aber aus Gründen der Lage und Zweckmäßigkeit gut denkbar; hier und ringsum in der Mulde werden weitere Bauten, wie etwa Ställe gestanden sein, deren Mauerreste heute unter dem dichten Gras- und Almampferbewuchs ruhen. Im weiteren fand sich nordwestlich des Jochs, im Steilhang hinunter zum Karsee, ein rund 5 m langes Stück einer Umfassungsmauer. Alle diese Relikte sind deutliche Hinweise auf die Anlage einer Einsiedelei oder sogar eines Kleinstklosters für einige wenige, schätzungsweise drei bis sechs Bewohner, exakt nach irischem Vorbild. Nach Urteil des Dubliner Fachexperten G. Rourke entspricht der Kapellenbau stilmäßig dem small oratory auf der Insel Skellig Michal vor Irlands Küste, dessen Errichtung in das 9. Jahrhundert fällt.

Ein ganzjähriger Aufenthalt auf dem Glattjoch in einer Höhe von 2000 Metern wäre in Anbetracht der seit dem 8. Jahrhundert günstigen Klimasituation im Extremfall damals zwar möglich, aber doch riskant gewesen. Die örtliche Sage von einem anderen Quelle nach von drei Kapuzinern, die im Sommer oben auf dem Joch erfroren, erzählt wohl von einem witterungsbedingten Unglück, und spricht gegen eine Dauerbesiedlung der Eremitage am Joch. Aufgrund der Ähnlichkeit des Habits frühchristlicher Mönche und Einsiedler mit der mittelalterlichen Ordenstracht der Kapuziner hat die Überlieferung die tragische Begebenheit auf letztere übertragen, obwohl diese hierorts, d.h. im Kloster Falkenburg in Irdning, erst seit 1711 ansässig sind. Die Einsiedelei am Glattjoch wird somit die zeitweise in der warmen Jahreszeit besetzte Expositur einer Mönchsgemeinschaft gewesen sein, die weiter unten im Tal ihr Kloster hatte. Seit dem Frühchristentum war die Kontemplation in der Einsamkeit für Klosterbrüder wesentlicher Bestandteil ihres Gott geweihten Lebens gewesen, dem sie auch innerhalb der Gemeinschaft nachkamen, sei es im Einzelgebet in einem kleinen Meditationsraum innerhalb des Klosters, sei es in einer fernab des Klosters liegenden Klause, welche einzelne oder mehrere Mönche zu gewissen Jahreszeit bewohnten. Darüber hinaus war die Eremitage am Glattjoch als quasi Hospiz am höchsten Punkt der Salzstraße der Ort für ein frommes Dankgebet an Gott und auch für eine Spende zum Unterhalt der Klause und des Talklosters. Letzteres ist sehr wahrscheinlich mit dem Missionskloster Irdning gleichzusetzen, welches nach den Überlegungen von BRUNNER bereits im Laufe des 9. oder 10. Jahrhunderts wieder aufgegeben worden war, da seine Funktion mit der Gründung der bis heute bestehenden Klöster in der Region um Irdning (Admont, Seckau, St. Lambrecht, Göss) ab der Jahrtausendwende hinfällig geworden war!

Joomla templates by a4joomla